Danke, Nigeria!

Von Christine Tragler · · 2026/Jan-Feb
Frau mit Kopftuch und grüner Brille sitzt lächelnd zwischen bunten Stoffen und Spitzen in einem Laden.
© pooldoks Filmproduktion

Der Dokumentarfilm „Stoff“ verfolgt über zwei Jahrhunderte hinweg, wie Vorarlberg und Westafrika miteinander verwoben sind.

Das Verdrängen hat Tradition. Hierzulande wie im Ländle. Wie Österreich seine koloniale Verantwortung lange kleingeredet, relativiert oder schlicht verschwiegen hat, so verhielt es sich auch mit den kolonialen Verstrickungen Vorarlbergs. Die Beteiligung an Handelsstrukturen, die auf Ausbeutung und globalen Ungleichheiten basierten, wurde als ökonomische Randnotiz behandelt – wenn sie überhaupt erwähnt wurde. Oder steht in irgendeinem Schulbuch dieses Landes etwas über die Rolle Vorarlberger Leinenstoffe im transatlantischen Sklavenhandel?

Dieses Muster durchbrechen, das will das österreichisch-nigerianische Regisseurinnenteam, bestehend aus Joana Adesuwa Reiterer, Chioma Onyenwe, Katharina Weingartner und Anette Baldauf. In ihrem Dokumentarfilm „Stoff“ machen sie sichtbar, wie Vorarlberg seit dem frühen 19. Jahrhundert durch die k.u.k. Baumwollspinnerei Ganahl & Söhne in koloniale Textilströme eingebunden war und davon profitierte.

Austrian Lace. Der Blick der Kamera schweift über die Gemeinde Lustenau. Der einst agrarisch geprägte Ort entwickelte sich im 20. Jahrhundert zu einem Zentrum der Vorarlberger Stickereiindustrie. „Den Wohlstand, den man hier sieht, haben wir Westafrika zu verdanken“, sagt Grete Bösch. Sie ist eine der zentralen Stimmen im Film. In den 1980er Jahren reiste sie häufig als Exportmanagerin für ein Lustenauer Textilunternehmen nach Nigeria und Benin. Der Handel fiel in eine günstige Zeit: Nach der Entdeckung von Erdöl 1956 erlebte Süd-Nigeria vor allem in den 1970er Jahren einen Ölboom. Der wirtschaftliche Aufschwung weckte den Wunsch nach Prestige und Luxus. Für Wohlhabende aus Lagos wurde „Austrian Lace“ – also österreichische Spitze, wie Vorarlberger Stickerei in Nigeria genannt wird – zu einem Statussymbol.

Verborgene Nähte. Als die nigerianische Regierung später Luxusimporte verbot, verlagerten sich die die Geschäfte kurzerhand auf informelle Kanäle: Schmuggelrouten über Cotonou, Bargeldtransporte, improvisierte Deals. Mit der szenisch-interaktiven Methode des Soziodramas, einem Kunstgriff im Film, werden diese Abläufe in körperliche Erfahrungen übersetzt. Parallel dazu begibt sich Ireti Bakare-Yusuf, Journalistin und Tochter der legendären Stickerei-Händlerin Alhaja Seriki-Yusuf, auf Spurensuche. Sie porträtiert ihre Mutter, damals Modeikone und „Königin der Stickerei“, interviewt Textilproduzent:innen und besucht Händler:innen in Nigeria und Österreich – eine Bewegung, die den Film durchzieht: das Rückverfolgen, Rekonstruieren und Neu-Verweben einer verdrängten Geschichte.

Kinostart: 30. Jänner 2026

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