

In keinem anderen afrikanischen Konflikt sind in jüngster Zeit so viele Menschen spurlos verschwunden wie im Sudan. Abertausende Frauen suchen nach ihren Ehemännern. Wie Kareema Adama.
Kareema Adama hat selbstgedichtete Verse aufgenommen: „Wir haben überall nach dir gefragt, selbst die Vögel am Himmel haben wir nach dir suchen lassen“, spricht sie mit zarter Stimme. Auf ihrem Handy spielt sie ein selbstproduziertes Video ab: Fotos ihres Mannes, Hochzeitsbilder, mit trauriger Musik unterlegt. Die 26-jährige Frau sitzt im Konferenzsaal der sudanesischen Nicht-regierungsorganisation DNRH (Darfur Netzwerk für Menschenrechte) in Ugandas Hauptstadt Kampala – rund 2.500 Kilometer von ihrer Heimatstadt El Geneina entfernt. Dort, in der Bezirkshauptstadt von Westdarfur im Bürgerkriegsland Sudan, hat sie vor fast zwei Jahren ihren Ehemann zuletzt gesehen: Yousif Hafize, 32 Jahre alt, Koch aus El Geneina. Als Studentin habe sie täglich in seinem Restaurant unweit der Universität gegessen. „Bei uns war es Liebe auf den ersten Blick“, so Adama. Sie heirateten 2018, bekamen ihr erstes Kind. „Vor dem Krieg waren wir eine sehr glückliche Familie.“ Bis heute sucht sie nach ihm: „Jeden Tag verschicke ich diese Videobotschaft über zahlreiche Chatgruppen.“ Wie vielen anderen Sudanes:innen ist es auch Adama gelungen, der Gewalt in ihrem Heimatland zu entkommen.
Vergessener Krieg. Adama war mit dem zweiten Kind schwanger, als der Krieg, der im April 2023 in Sudans Hauptstadt Khartum begonnen hatte, auch in El Geneina ankam. In jener Nacht zum 9. Juni 2023 hatten die Milizionäre der RSF (Rapid Support Forces), die gegen die Regierungsarmee kämpfen und mittlerweile weite Teile der Region Darfur erobert haben, ihr Haus überfallen, Hafize niedergeprügelt und sie selbst an einen Baum im Garten gefesselt. Am nächsten Tag brachte sie ihren schwer verletzten Mann ins Krankenhaus. Er drängte sie zur Flucht, doch er selbst war zu schwach, um aufzustehen. Sie ließ ihn zurück. Nur wenige Tage später stürmte die RSF-Miliz die Innenstadt und beging grausame Massaker an der Masalit-Bevölkerung, einer nicht-arabischen Volksgruppe, der auch Adama und Hafize angehören. Ob ihr Mann überlebt hat, das weiß Adama nicht. Klar ist nur, so sagt sie: „Sein Handy ist seitdem aus.“
In keinem Krieg Afrikas gibt es so viele Vermisste wie im Sudan. Es ist bislang ein medial komplett unterbeleuchtetes Phänomen, dabei zählt das „erzwungene Verschwindenlassen“, wie es völkerrechtlich genannt wird, in die Kategorie der schwerwiegendsten Menschenrechtsverletzungen weltweit. Der Internationale Strafgerichtshof in den Haag hat Ermittlungen dazu aufgenommen. Zahlreiche NGOs dokumentieren Fälle, in welchen Menschen einfach spurlos verschwunden sind. Systematisch aufgenommene Statistiken gibt es jedoch nicht. Jede NGO veröffentlicht ihre eigenen Zahlen, die stark variieren.
Sudan
Hauptstadt: Khartum
Fläche: 1.861.484 km2
Einwohner:innen: 48,1 Millionen (2023, Schätzung)
Human Development Index (HDI): Rang 176 von 193 (Österreich 22)
BIP pro Kopf: 3.158 US-Dollar (2023, Österreich: 56.033,6 US-Dollar)
Regierungssystem: Bundesrepublik unter der Herrschaft einer Militärjunta
Grab oder Gefängnis. Das Internationale Komitee vom Rote Kreuz (ICRC) schlägt Alarm: Rund 45.000 Familien hätten sich gemeldet, die nach Angehörigen suchen, so Daniel O’Malley, ICRC-Chef in Sudan. Er betont ausdrücklich: „Das ist nur die Spitze des Eisbergs.“ Die Dunkelziffer ist deutlich höher. Der Grund: Nicht alle Familien, die mitunter ins Ausland geflüchtet sind, lassen die Fälle offiziell registrieren. Auch Adama hat bislang nicht so recht gewusst, wohin sie sich wenden sollte, berichtet sie. Deswegen sei sie ins Büro von DNHR in Kampala gekommen, eine NGO, die Fälle von Vermissten registriert. DNHR-Direktor Mohammed Hassan nimmt sich für sie Zeit. Der Jurist ist selbst Überlebender des Darfur-Krieges von 2003 bis 2020. „Im Sudan gibt es eine lange Tradition, Menschen einfach verschwinden zu lassen“, erklärt Hassan: „Beide Kriegsparteien nutzen dies als Kriegswaffe“, sagt er. Es gebe kein einheitliches Bild, warum dies geschehe. In einigen Fällen, die er recherchiert habe, wurden die Verschleppten als Arbeiter:innen eingesetzt. Darunter sind zunehmend Frauen und Mädchen, die auch als Sexsklavinnen missbraucht würden. Die RSF sei berüchtigt, Kinder als Kämpfer:innen zu rekrutieren. Doch im viel größeren Stil, so befürchtet Hassan, „enden die Verschleppten entweder in Massengräbern oder in Haft“.
Leben im Lager. Auch Adama hat diese Gefängnisse gesehen, berichtet sie. Nach ihrer Flucht aus El Geneina im Juni 2023 hat sie zunächst zwei Monate im Flüchtlingslager am Rande der Stadt Adré in Tschad entlang der Grenze auf ihren Mann gewartet, vergeblich. Letztlich entschied sie, nach El Geneina zurück zu kehren, um nach Hafize zu suchen. „Ich war im neunten Monat schwanger, aber ich wollte nicht alleine sein mit zwei Kindern, deswegen riskierte ich alles“, berichtet Adama: „Die RSF hatte in einer Schule am Stadtrand ein riesiges Gefangenenlager eingerichtet“, so Adama. „Sie drohten, mich ebenfalls festzunehmen, wenn ich weiter nach ihm frage“, sagt sie. Hochschwanger hatte sie letztlich keine Wahl. Sie ging zurück nach Tschad, wo sie ihr Baby zur Welt brachte. „Doch in den Lagern in Tschad waren wir Frauen ohne Ehemänner nicht sicher“, erzählt sie. Ständig habe es sexuelle Übergriffe gegen alleinstehende Frauen gegeben. Wenige Wochen nach der Geburt entschied sie, den rund 2.500 Kilometer langen Weg nach Uganda zu wagen: zunächst zu Fuß, dann mit dem Taxi bis an die Grenze zu Südsudan und weiter mit dem Bus nach Uganda, wo sie im Januar 2024 letztlich eintraf.
Hoffnung bleibt. Immerhin, seit Beginn des Jahres hat sich das Blatt gewendet: Sudans Armee hat im März die Hauptstadt Khartum, wo 2023 der Krieg begonnen hatte, zurückerobert und macht nun in anderen Landesteilen Geländegewinn. Nach dem Sieg in Khartum wurde ein RSF-Gefangenenlager entdeckt, hunderte Gefangene befreit, die meisten gezeichnet von Folter. Dahinter wurde ein Friedhof mit über 500 Gräbern ausgehoben. Dies erhöht nun die Chance, dass unter den Befreiten oder den Toten irgendwann die vermissten Männer auftauchen. Heute lebt Adama mit ihren Kindern in einer kleinen Wohnung in Kampala. Die Suche nach ihrem Mann hat sie nicht aufgegeben. Nachts, wenn sie nicht schlafen kann, verschickt sie Videobotschaften.
Simone Schlindwein lebt und arbeitet als freie Journalistin seit 2008 in Uganda.

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